Perfektionismus - der vermeintlich perfekte Schutz

ACT-Psychotherapeut Reimer Bierhals unterstützt darin in punkto Perfektionismus flexibler zu werden.
Perfektes Ineinandergreifen, um die Angst vor Fehlern auszuschließen. Das ist eine Funktion, die Perfektionismus oft hat - immer perfekt sein ist allerdings äußerst kraftraubend und hält uns mitunter von wirklich wichtigem ab. Bild: Grey59 / pixelio.de

Gehören Sie auch zu den Menschen, die alles perfekt machen wollen? Und sich dafür in allen Lebensbereichen automatisch sehr anstrengen? Deswegen mitunter erschöpft sind? Dann sind wir schon zu zweit!

Eine Funktion, die der "Immer-100%"-Perfektionismus haben kann, ist der Versuch, das Gefühl von Unsicherheit zu verringern. Perfektionismus versucht uns davor zu schützen, etwas falsch zu machen und dann möglicherweise Gefühle spüren zu müssen von Scham, Selbstzweifel, Angst, nicht zu genügen und deswegen abgelehnt zu werden.

In manchen Lebensbereichen ist es wirklich wichtig, möglichst exakt zu sein, in anderen Lebensbereichen, wie z.B. dem Schreiben dieses Blog-Eintrags, können die Kosten maximaler Anstrengung den vermeintlichen Nutzen bei weiten übersteigen.

Wenn wir versuchen, in allen Lebensbereichen perfekt zu sein, wird das Leben sehr anstrengend und wir kommen vielleicht gar nicht mehr dazu, so zu leben wie es für uns persönlich aus tiefsten Herzen heraus wirklich wichtig ist.  Und noch ein Nachteil: wenn wir uns zu sehr auf den vermeintlichen perfekten Schutz gegen Unsicherheit verlassen, indem wir immer versuchen, jegliche Fehler vermeiden, werden wir ziemlich intolerant gegenüber eigenen Fehlern. Dummerweise muss ich zugeben, dass mir trotz aller Anstrengung immer wieder Fehler unterlaufen. Diese nehme ich mir umso mehr zu Herzen, je mehr ich mich "perfekt" angestrengt habe, sie zu vermeiden. Und das zum Preis von Lebensqualität.

Bundesjustizministerin Katarina Barley sagt über ihren Perfektionismus im Interview des Zeit-Magazins (Ausgabe 21.3.19): "Ich habe immer hundert Prozent gegeben, ohne Pause. Aber wenn man das macht, hängt es vom Zufall ab, wann man gut ist und wann nicht. Das kann man besser steuern […]". Ich finde Frau Barley hat recht: in wirklich wichtigen Bereichen alles abzurufen, in weniger wichtigen sich mit 60 %-Leistung  zufrieden geben zu können - das macht flexibel und schützt davor auszubrennen. Und: das lässt sich üben. Dazu ermuntert der ACT-Ansatz in der Psychotherapie. Es lässt sich üben, zu akzeptieren, dass man als Mensch imperfekt ist und die damit einhergehenden Gefühle aushaltbar sind, wenn wir gleichzeitig dafür unsere Energie auf die uns persönlich wirklich wichtige Richtung für unser Leben richten und uns selbst wertschätzen (siehe www.psychotherapie-bewegt.de/therapie-angebot/act).

 


Experiment zum imperfekt sein

Probieren Sie das Üben gleich mit einem täglichen Erfahrungs-Experiment im imperfekt sein aus: Dieses Experiment kostet Sie lediglich 5 Minuten. Damit Sie die auch einhalten, braucht es einen Zeitmessser (z.B. Handy). Verpflichten Sie sich bitte, das Experiment wirklich nach 5 Minuten zu beenden, egal wie weit Sie sind (ich weiß wie schwer das ist). Allerdings geht es um ein Experiment im imperfekt sein, und nicht im perfekt eine Aufgabe erfüllen.

Suchen Sie sich eine Aufgabe, deren Beendigung mit Sicherheit länger als 5 Minuten dauert, die jedoch im Moment nicht lebenswichtig für Sie ist. Falls Sie kein Tagebuch schreiben, könnte es z.B. das sein. Oder wenn Sie ein Beispiel von mir wollen: Bei mir liegen viele Fachbücher ungelesen im Regal und ermuntern mich immer wieder: "Les' mich doch endlich!" - Also ist mein 5 Minuten-Experiment: jeden Tag 5 Minuten in "Radical Acceptance" von Tara Brach zu lesen, und nach genau 5 Minuten, egal wo ich gerade bin mit dem Lesen, wieder imperfekt aufzuhören. Danach eine kurze Notiz schreiben in mein persönliches "Mir Imperfektionismus zugestehen"-Büchlein zu zwei gleichbleibenden Fragen:

1.) Was fiel mir heute schwer bei meinem 5-min-imperfekt-Experiment

2.) Was kann ich heute durch meine 5-min-imperfekt-Erfahrung wertschätzen

Falls Sie mein heutiger Imperfekt-sein-Eintrag interessiert? Den finden Sie rechts in kursiv - bedenken Sie bitte, dass dieser wegen meiner Erinnerung an die Blog-Veröffentlichung etwas umfangreicher als gewöhnlich ausgefallen ist.

Sollten Sie einmal an einem Tag beim 5min-Imperfekt-sein-Experiment aussetzen, gehen Sie bitte nachsichtig mit sich um. Zwar stellen sich Effekte erst mit dem Üben ein, allerdings ist es ein Experiment im imperfekt sein - und da ist explizit imperfektes Befolgen erlaubt!


Mein heutiger 5min-impferfekt-sein Eintrag (2.4.19)

1.) Fiel mir schwer, aufzuhören nach 5min, weil ich noch nicht mal am Ende des Absatzes angelangt war - gerade mal eineinhalb Seiten geschafft. Gefühl von Scham und Gedanke: "Du bist wirklich ein schlechter Leser". Habe auch ein wenig geschummelt und doch noch 15 Sekunden länger den Absatz zu Ende gelesen - habe also imperfekt die "Imperfekt-sein"-5min-Regel befolgt, obwohl ich wusste, dass ich das für den Blog-Eintrag verwenden werde.

 

2.) Dankbar dafür, dass ich heute beim Imperfekt-Experiment drangeblieben bin. Habe im Abschnitt "die Kultur, welche Abgetrenntsein und Scham hervorbringt" von Tara Brachs Buch "Radical Acceptance" etwas Spannendes erfahren über den Unterschied zwischen der Selbstannahme der Buddha-Natur im Unterschied zum Mängel-Mythos Mensch, wie er in der Legende von Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies angelegt ist. Schätze sehr, dass ich dafür 5 min meiner Lebenszeit aufgewendet habe - ohne mich unter Druck zu setzen, gleich und sofort weiterlesen zu müssen.

Morgen mache ich weiter!

 


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